Andere Mission, gleicher Ort: 

Noe und Numas zweiter gemeinsamer Trip nach China

Acht Monate zuvor waren sie zum ersten Mal hier gelandet, ohne zu wissen, was sie erwartet. Diesmal wussten Noe Keusch und Numa Ulrich genau, worauf sie sich einliessen, und trotzdem hat sie China wieder an ihre Grenzen gebracht. Ein Monat, ein Trainingsplan am Anschlag und mittendrin Nationalteams aus Hongkong und der Slowakei, die den beiden schonungslos zeigten, wo die Weltspitze tatsächlich steht. Was diesmal anders war, wie viel Muskelkater eine Saisonvorbereitung kosten kann und warum ausgerechnet die müdesten Chinesen im entscheidenden Moment nochmals einen Gang zulegen: Noe und Numa erzählen.

Zurück in China, aber mit neuer Mission

Der Ort war neu, das Ziel noch mehr. «Beim letzten Mal waren wir an einem anderen Ort, in Weihai und in Xi’an», erzählt Numa. «Was aber grösstenteils gleich geblieben ist, ist die Trainingsgruppe. Es waren wieder ein paar chinesische Spieler und ein paar aus Hongkong vor Ort.»

Für Noe lag der grössere Unterschied jedoch nicht am Ort, sondern im Kopf. Im Winter ging es darum, die Saisonpause zu überbrücken, diesmal stand der Ligastart direkt vor der Tür. «Letztes Mal ging es darum, die Saisonpause, also die Zeit zwischen Hin- und Rückrunde, gut zu überbrücken. Diesmal ging es darum, nach den Sommerferien wieder in die Matches und den Ligabetrieb reinzufinden», sagt er. «Das ist nie ganz einfach, im Training kann man viele Fehler machen, im Match zählt plötzlich jeder einzelne Punkt. Das habe ich dann auch in meinen ersten Spielen nach dem Camp wieder gespürt.» Dazu kam Motivation aus einer anderen Quelle: Nur zwei Wochen nach der Jugend-EM-Pause konnte er in China richtig durchstarten.

    Ein Tagesablauf wie im Bilderbuch, mit einem Preis

    Wie sieht ein Tag aus, wenn Tischtennis der einzige Programmpunkt ist?

    Numa beschreibt einen durchgetakteten Ablauf: «Aufstehen war um ungefähr acht Uhr, danach Frühstück. Vor dem Training konnten wir noch kurz aufs Zimmer, bevor es um 9:15 Uhr losging. Das Training dauerte bis etwa 11:15 Uhr, danach hat man entweder weitergespielt, Balleimer gemacht oder ist in den Kraftraum.» Nach einem kurzen Mittagsschlaf ging es um 15:15 Uhr weiter, teilweise mit zusätzlichem Servicetraining schon davor, bis der Tag gegen 18 Uhr in die Abendpause überging. «Danach war der Abend frei: manchmal ging es nochmals in die Halle für Balleimer, an anderen Tagen sind wir kurz in die Stadt zum Essen oder Billardspielen.»

    Was sich nach einem geregelten Alltag anhört, hinterliess klare Spuren am Körper. «Körperlich waren wir über die vier Wochen definitiv am Limit, vor allem am Anfang hatte ich in jedem Training unglaublichen Muskelkater», so Noe. «Man musste konsequent sein: nach dem Training dehnen, gezielte Kraftübungen machen und über Schlaf und Ernährung dafür sorgen, dass man für die nächste Einheit wieder bereit ist. Das kannten wir schon vom letzten Mal, aber diesmal war das Training nochmals härter und der Plan noch voller.»

    Training mit TOP-40-Spielern: die Messlatte neu gesetzt

    Der eigentliche Ausnahmezustand des Aufenthalts: gemeinsames Training mit den Nationalteams von Hongkong und der Slowakei. Wie es dazu kam, blieb selbst für die beiden etwas im Dunkeln. «Wie genau es dazu kam, weiss ich ehrlich gesagt selbst nicht ganz genau», sagt Numa. «Die Person, die das Trainingslager für uns organisiert hat, kennt den Nationalcoach von Hongkong sehr gut und konnte uns so den Zugang verschaffen.» Was ihm sofort auffiel: «Der sehr sichere, konstante Spielstil bei praktisch allen Spielern, wenige einfache Fehler.»

    Für Noe war es vor allem eine Standortbestimmung. «Man merkt sofort wieder, wie hoch das Niveau ist, vor allem bei der Hongkong-Nationalmannschaft. Mit einem Top-30-, Top-40-Spieler in der Halle ist die Messlatte extrem hoch angesetzt», erklärt er. «Das motiviert aber enorm, weil man sieht, wie viel man selbst noch lernen und verbessern kann. Ich sehe das klar als Ansporn, nicht als etwas Negatives.»

    Der Unterschied, der über Matches entscheidet

    Genau dieses hohe Niveau lenkte den Fokus auf ein Detail, das in Europa oft untergeht: die Ballsicherheit. «Ganz bewusst an unserer Ballsicherheit», antwortet Noe auf die Frage, woran im Camp am meisten gearbeitet wurde. «In Europa ist das eher zweitrangig, in China wird täglich stundenlang genau daran gearbeitet, dass man ballsicher ist und lange Ballwechsel spielen kann, auch im Match.» Der Effekt liess nicht lange auf sich warten: «Das habe ich in meinen ersten Spielen danach direkt gespürt: Ich war fast jedem Gegner in der Ballsicherheit überlegen.» Dazu kommt ein Stilunterschied, den er genau beobachtet hat: «Asiatische Spieler sind im Rhythmus und Spin eher konstant, Europäer spielen unterschiedlicher und weniger gleichmässig, darauf muss man sich jeweils neu einstellen.» Auch Reaktionsschnelligkeit sowie Aufschlag und Rückschlag hätten sich durch die täglichen Stunden am Tisch spürbar verbessert.

    Zurück an einem Ort, an dem nichts mehr überrascht

    Was beim ersten Mal noch neu und fremd war, wurde beim zweiten Aufenthalt zur Erleichterung. «Ich habe mich besonders wieder darauf gefreut, mir um nichts anderes Gedanken machen zu müssen», sagt Numa. «Man verbringt den ganzen Tag im Trainingszentrum, alles ist organisiert, man kann einfach trainieren. Keine Probleme mit Sparringspartnern, Reisen, Material oder Kochen, kein Alltagsstress wie zuhause.»

    Bereit für den Ligastart

    Nach einem intensiven halben Jahr mit wenig Trainingszeit brachte der Monat in China genau das zurück, was Numa fehlte. «Ich fühle mich wieder richtig in Form», sagt er. «Die Abläufe sind wieder flüssiger geworden. Was ich am meisten in die Matches mitnehme, ist eine gewisse Grundsicherheit, die wieder dazugekommen ist.»

    Und zum Schluss: das kleine Schauspiel in der Halle

    Nicht alles aus diesem Monat war Schweiss und Ernst. Numa erinnert sich an eine Eigenheit, die sich eingeschlichen hat: «Wir waren am Abend oft die letzten, die noch in der Halle waren. Das kommt wohl daher, dass wir es uns gewohnt sind, auch um 21 oder 22 Uhr noch zu trainieren, weil wir die Halle tagsüber oft nicht für uns haben und dadurch erst abends drankommen.»

    Noe wiederum hat ein Detail bei den chinesischen Spielern entdeckt, das ihn zum Schmunzeln bringt: «Wie die chinesischen Spieler bei den Balleimer-Übungen oder im Training mit dem Coach immer ein bisschen auf müde machen, dabei könnten sie eigentlich noch hunderttausend Bälle spielen. Das ist fast schon ein kleines Schauspiel.» Sein Beispiel: die Beinarbeitsübungen zu Trainingsbeginn. «Manche haben so getan, als könnten sie nicht mehr, aber sobald der Trainer hinten durchgelaufen ist und kurz geschaut hat, waren sie wieder wie Maschinen unterwegs. Der Schein wird gewahrt, aber wenn es zählt, können sie nochmals fünf Stufen draufpacken.»